Einleitung: Am Ufer des Rheins – Durnomagus erwacht
Stellen wir uns vor, wir stehen an einem frühen Morgen des 2. Jahrhunderts n. Chr. auf einer Anhöhe über dem mächtigen Rhein. Nebelschwaden ziehen über das Wasser, das in der aufgehenden Sonne glitzert. Aus dem Lagerdorf dringen Stimmen, das Klirren von Werkzeugen, das Wiehern von Pferden.
Hier, an der Grenze zwischen römischer Ordnung und germanischer Wildnis, liegt Durnomagus – ein Ort, der wie kaum ein anderer die Dynamik, das Aufeinandertreffen und die Verschmelzung von Kulturen, Militär und Alltag im römischen Grenzland verkörpert.
Die Geschichte dieser Siedlung ist ein faszinierendes Mosaik aus archäologischen Funden, schriftlichen Zeugnissen und den Spuren, die Menschen über Jahrhunderte im Boden hinterlassen haben. Lassen Sie uns eintauchen in die Ursprünge, die Blüte und das Nachleben von Durnomagus – und das Leben seiner Bewohner wieder lebendig werden lassen.
Die Ursprünge: Von keltischen Wurzeln zum römischen Stützpunkt
Etymologie und vorrömische Besiedlung
Der Name „Durnomagus“ klingt geheimnisvoll und fremd, doch seine Wurzeln reichen tief in die keltische Vergangenheit des Rheinlands zurück. Die Forschung ist sich einig, dass der Name aus dem Gallischen stammt: „magus“ bedeutet „Feld“ oder „Ebene“, während „Durno-“ vermutlich auf „Kiesel“, „Faust“ oder „Handvoll“ verweist. So lässt sich Durnomagus als „Kiesfeld“ oder „Kiesebene“ deuten – eine treffende Beschreibung für die kiesreichen Böden am Rheinufer, die auch heute noch das Stadtbild von Dormagen prägen. Diese Namensgebung deutet darauf hin, dass der Ort bereits vor der römischen Okkupation eine Bedeutung hatte, vielleicht als Siedlung der keltischen Ubier oder als Handelsplatz zwischen den Kulturen.
Archäologische Streufunde und Siedlungsgruben belegen eine Nutzung des Areals schon in der Jungsteinzeit, etwa durch die Michelsberger und Bischheimer Kultur. Doch von einer keltischen oder ubischen Vorgängersiedlung, die dem römischen Lager unmittelbar vorausging, fehlen bislang eindeutige Spuren. Die Römer trafen also auf einen bereits seit Jahrhunderten genutzten, strategisch günstigen Ort, der durch seine erhöhte Lage über dem Rhein nicht nur vor Hochwasser, sondern auch vor Angriffen geschützt war.
Die Gründung des Kastells: Militärische Strategie und römische Expansion
Die Militärziegelei - Wie alles begann
Bevor Durnomagus als Kastell in die Geschichte einging, entstand hier eine der frühesten römischen Militärziegeleien am Niederrhein. Bereits im zweiten Viertel des 1. Jahrhunderts (39 n. Chr.) errichtete eine Vexillation der Legio I Germanica eine Produktionsstätte, die Dach-, Boden- und Mauerziegel für die römischen Lager in Dormagen, Bonn und Umgebung herstellte. Die Ziegelei bestand aus mindestens fünf Brennöfen und einem großen Trockenschuppen. Die Öfen waren als „stehende Öfen“ konstruiert, bei denen Feuerungs- und Brennkammer übereinander lagen – eine technische Meisterleistung, die eine gleichmäßige Hitzeverteilung ermöglichte. Die Produktpalette umfasste 23 verschiedene Ziegelformate, darunter Dachziegel (Tegulae und Imbrices), Lüftungsziegel (Tubuli), Wandplatten und sogar Ziegel mit Medusendekor.
Die Ziegelei war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein Zeichen für die römische Präsenz und Organisation. Sie versorgte nicht nur das spätere Kastell, sondern auch andere Militärstandorte entlang des Rheins. Mit dem Ausbruch des Bataveraufstands um 69/70 n. Chr. wurde die Produktion eingestellt – ein Schicksal, das viele römische Einrichtungen in dieser unruhigen Zeit teilten.
Die Gründung des Alenkastells
Im Zuge der römischen Expansion und der Sicherung der Rheingrenze wurde um 83 n. Chr., während der Chattenkriege unter Kaiser Domitian, das erste Auxiliarlager in Durnomagus errichtet. Es war Teil des großangelegten Ausbaus des Niedergermanischen Limes, der als „nasse Grenze“ den Rhein von der Nordsee bis Remagen als Bollwerk gegen germanische Stämme befestigte. Das Kastell war ein sogenanntes Alenkastell – ein Reiterlager für eine Ala quingenaria, also eine Kavallerieeinheit mit etwa 480 Mann. Die erste Besatzung ist nicht namentlich bekannt, doch archäologische Funde belegen, dass es sich um eine berittene Hilfstruppe handelte.
Das Lager war strategisch positioniert: Es lag auf einer hochwassergeschützten Terrasse über dem Rhein, mit steil abfallender Kante zur Rheinaue – ein natürlicher Schutz gegen Angriffe. Durnomagus bildete einen wichtigen Knotenpunkt in der Kette von rund 50 Kastellen und Legionslagern, die sich linksrheinisch zwischen Katwijk (Lugdunum Batavorum) und Remagen (Rigomagus) erstreckten. Im Itinerarium Antonini, einem spätantiken Straßenverzeichnis, wird Durnomagus als Station einer Ala zwischen Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) und Neuss (Novaesium) genannt – jeweils etwa einen Tagesmarsch entfernt.
Die Ala I Noricorum: Reiter aus dem Osten für Roms Grenze
Herkunft und Geschichte der Einheit
Die Ala I Noricorum civium Romanorum war eine Kavallerieeinheit, ursprünglich im römischen Noricum (heutiges Österreich und Teile Bayerns) ausgehoben. Sie bestand aus etwa 480 Reitern, aufgeteilt in 16 Turmae zu je 30 Mann unter dem Befehl eines Decurio. Die Einheit war mit dem römischen Bürgerrecht ausgezeichnet worden – eine seltene Ehre, die für besondere Tapferkeit verliehen wurde. Die Ala I Noricorum war zunächst in Mogontiacum (Mainz) und später in Burginatium (Kalkar) stationiert, bevor sie zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Durnomagus verlegt wurde.
Die Reiter stammten ursprünglich aus Noricum, wurden aber im Laufe der Zeit durch Gallier, Germanen und Thraker ergänzt. In Durnomagus sind sie durch zahlreiche Inschriften, Grabsteine und Weihesteine belegt. Besonders eindrucksvoll ist die Weiheinschrift eines Duplicarius (Ordonnanzoffizier) thrakischer Herkunft, der dem Gott Mithras einen Stein widmete – ein Zeugnis für die ethnische Vielfalt und die religiösen Bindungen innerhalb der Truppe.
Alltag und Ausrüstung der Reiter
Das Leben der Reiter war geprägt von Disziplin, Ausbildung und ständiger Einsatzbereitschaft. Sie patrouillierten entlang des Rheins, sicherten die Grenze, begleiteten Transporte und waren im Ernstfall die schnelle Eingreiftruppe gegen Überfälle oder Aufstände. Die Ausrüstung umfasste Kettenhemden, Helme mit Haarkalotte, Ovalschild, Stoßlanze (hasta), Langschwert (spatha) und Wurfspeere. Die Pferde waren mit reich verzierten Sätteln und Zaumzeug ausgestattet – Statussymbole und zugleich funktionale Ausrüstung für den Kampf.
Die Ala I Noricorum war nicht nur eine militärische Einheit, sondern auch eine soziale Gemeinschaft. Grabsteine zeigen Reiter mit ihren Pferdeknechten, in Totenmahlszenen oder als siegreiche Kämpfer über besiegte Barbaren. Die Inschriften nennen Herkunft, Dienstjahre und oft auch den Freund oder Erben, der das Grabmal errichten ließ – ein bewegendes Zeugnis für Kameradschaft und familiäre Bindungen in der Fremde.
Das Kastell Durnomagus: Architektur, Ausbau und Zerstörung
Bauweise: Vom Holz-Erde-Lager zum Steinkastell
Das erste Kastell wurde in Holz-Erde-Bauweise errichtet. Zwischen zwei Bohlen- oder Flechtwerkschalen, verbunden durch Querbalken, wurde der Aushub der vorgelagerten Spitzgräben eingefüllt. Zwei umlaufende Gräben dienten als Annäherungshindernis. Die Prätorialfront war stets zum Rhein hin ausgerichtet. Nach mindestens einer Ausbauphase wurde die Holz-Erde-Mauer in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts durch eine steinerne Mauer ersetzt – vermutlich durch die Ala I Noricorum selbst, nachdem sie das Lager bezogen hatte.
Die steinerne Mauer war etwa einen Meter breit, mit einem Fundament aus Basaltbruchsteinen und einer Fassade aus Tuffsteinquadern. Die vier Tore und die abgerundeten Ecken waren mit Türmen bewehrt, weitere Zwischentürme wurden später hinzugefügt. Im Inneren gab es einen Erdwall mit Laufgang, die Lagerringstraße (Via sagularis), die Hauptstraßen (Via praetoria, Via principalis, Via decumana) und das Stabsgebäude (Principia) mit Fahnenheiligtum (aedes) und mehreren Nebenräumen. Die Mannschafts- und Pferdebaracken waren teils als kombinierte Gebäude, teils als reine Ställe oder Unterkünfte ausgeführt. Die Dächer bestanden aus Ziegeln (imbrices und tegulae), Schindeln oder Stroh.
Zerstörung und spätere Nutzung
Im zweiten Viertel des 2. Jahrhunderts wurde das Kastell durch ein Schadfeuer zerstört, aber rasch wieder aufgebaut. Eine weitere Mannschaftsbaracke fiel gegen Ende des Jahrhunderts erneut einem Brand zum Opfer. Um das Jahr 200 wurde das Lager erneut durch ein Großfeuer vernichtet – möglicherweise im Zuge von Unruhen oder Angriffen. Danach wurde es nur noch einmal vorübergehend während eines Frankeneinfalls im Jahr 275 genutzt. In der Spätantike entstand ein verkleinertes Reduktionskastell, das bis ins 5. Jahrhundert bestanden haben könnte. Hinweise auf ein gewaltsames Ende der Garnison in der Spätantike fehlen jedoch.
Heute ist vom Kastell oberirdisch nichts mehr sichtbar. Das Gelände ist durch Wohn- und Gewerbebauten überbaut, doch im Pflaster vor dem historischen Rathaus sind die Fundamentspuren markiert. Im alten Rathaus selbst befindet sich ein kleines Museum mit Modellen, Funden und einer Reitermaske – ein Fenster in die Vergangenheit.
Der Vicus: Das zivile Leben am Rande des Militärs
Struktur und Alltag im Lagerdorf
Rund um das Kastell entwickelte sich ein Vicus – ein Lagerdorf, das halbkreisförmig das Militärlager umgab. Hier lebten die Familien der Soldaten, Händler, Handwerker, Wirte, Freudenmädchen und Dienstleister aller Art. Der Vicus war ein pulsierendes Zentrum von Handel, Handwerk und Alltagsleben. Archäologisch ist er nur punktuell erfasst, doch seine Ausdehnung lässt sich auf den Bereich zwischen Florastraße und der Kirche St. Michael im heutigen Dormagen übertragen.
Im Vicus wurden Waren gehandelt, Keramik produziert, Lebensmittel verkauft und Dienstleistungen angeboten. Die Nähe zum Kastell garantierte eine ständige Nachfrage nach Gütern und Arbeitskraft. Die Infrastruktur umfasste Brunnen, Werkstätten, Schenken und Wohnhäuser – oft als Streifenhäuser mit Vorratskellern, wie der 1979 entdeckte „Römerkeller“ eindrucksvoll zeigt. Hier wurde gewohnt, gearbeitet, gefeiert und gestritten – das pralle Leben einer römischen Kleinstadt am Limes.
Gräber und Bestattungsriten
Nach römischem Gesetz mussten die Gräber außerhalb des Siedlungsbereichs entlang der Ausfallstraßen liegen. Die Gräberfelder der mittleren Kaiserzeit (2. und frühes 3. Jahrhundert) befanden sich entlang der Straßen nach Novaesium und zur CCAA (Köln), vereinzelt auch westlich des Vicus. Die Grablegen des späten 2. und 3. Jahrhunderts lagen wieder zentraler, im Bereich der späteren Kirche St. Michael. Die Bestattungsriten umfassten Körper- und Brandbestattungen, oft mit reichen Grabbeigaben: Keramik, Münzen, Schmuck, Waffen und persönliche Gegenstände. Diese Funde geben Einblick in die soziale Struktur, den Wohlstand und die Glaubensvorstellungen der Bevölkerung.
Wirtschaft und Handel: Ziegelei, Keramik und Münzumlauf
Die römische Ziegelei als Wirtschaftsmotor
Die Militärziegelei war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sie produzierte nicht nur für das Kastell, sondern belieferte auch andere Standorte entlang des Limes. Die Ziegel waren mit Stempeln der Legio I Germanica versehen – ein wichtiges Datierungskriterium für Archäologen. Die Produktion umfasste Dachziegel, Lüftungsziegel, Wandplatten und dekorative Elemente. Die Brennöfen waren technisch ausgereift und wurden mehrfach repariert und ausgebaut. Die Ziegelei war ein Beispiel für die römische Fähigkeit, Infrastruktur und Versorgung auch in entlegenen Grenzregionen sicherzustellen.
Keramikproduktion und Handel
Keramik war das Alltagsgeschirr der Römer – robust, vielfältig und in Massen produziert. In Durnomagus wurden zahlreiche Keramikgefäße gefunden, darunter Terra Sigillata aus süd- und nordgallischen Werkstätten. Diese rotglänzende Feinkeramik war ein Exportschlager und Statussymbol. Die Formen und Stempel der Töpfer erlauben eine genaue Datierung der Fundschichten und zeigen den weiten Handelsradius: Gefäße aus Lyon, La Graufesenque, Rheinzabern und anderen Zentren fanden ihren Weg bis an den Niederrhein.
Lokale Werkstätten produzierten einfache Gebrauchskeramik, Amphoren für Wein und Öl, Lampen, Becher und Schalen. Die Vielfalt der Formen und Dekore spiegelt die kulturelle Mischung und die Anpassung an lokale Bedürfnisse wider. Keramik war nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern auch ein Medium für Mode, Status und Identität.
Münzumlauf und Schatzfunde
Der Münzumlauf in Durnomagus ist durch mehrere spektakuläre Funde belegt. 1839 wurde ein Münzschatz mit 900 Silber- und vier Goldmünzen entdeckt, der von Augustus bis Commodus reicht. Ein weiterer Fund, der sogenannte Dormagener Denarfund, umfasst zehn Denare von Vespasian bis Mark Aurel. Diese Funde zeigen, dass ältere Münzen lange im Umlauf blieben und dass die Geldwirtschaft auch in der Grenzregion gut funktionierte. Sie geben zudem Hinweise auf wirtschaftliche Krisen, Inflation und die Verfügbarkeit von Zahlungsmitteln.
Religiöses Leben: Mithraskult und lokale Gottheiten
Das Mithräum von Durnomagus
Eine der faszinierendsten Entdeckungen in Durnomagus war das Mithräum – ein unterirdischer Kultraum für den Gott Mithras. 1821 wurden mehrere dem Mithras geweihte Steine in einem etwa 13 Meter langen Raum gefunden. Zwei der Weihesteine wurden von Soldaten der Ala I Noricorum gestiftet, was ihre Stationierung in Durnomagus eindeutig belegt. Die Inschriften sind bewegende Zeugnisse persönlicher Frömmigkeit und militärischer Loyalität: „Dem unbesiegbaren Sonnengott Mithras, zum Wohle des Kaisers, hat Suran...is Didil..., Duplicarius der Ala Noricorum, Thrakischer Bürger, sein Gelübde freudig und nach Gebühr erfüllt.“
Das Mithräum war ein geheimer, exklusiver Kultort – der Mithraskult war ein Mysterienkult, der nur Männern offenstand, insbesondere Soldaten. Die Rituale umfassten Initiationen, rituelle Mahlzeiten und die berühmte Stiertötungsszene (Tauroctonie), die den Sieg des Lichts über die Dunkelheit symbolisierte. Der Kult war im gesamten römischen Reich verbreitet, besonders in den Grenzprovinzen, und bot den Soldaten eine spirituelle Heimat und ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Weitere Kulte und religiöse Vielfalt
Neben Mithras wurden auch andere Götter verehrt. Ein Altar für Apollon und Asklepios, gefunden 1976, zeugt von der Präsenz klassischer Heil- und Orakelkulte. Die Inschrift wurde später als Weihe an beide Gottheiten ergänzt. Die religiöse Landschaft war vielfältig: Neben den offiziellen römischen Göttern fanden auch lokale und orientalische Kulte ihren Platz. Die Integration verschiedener Glaubensrichtungen war typisch für die römische Religionspolitik und spiegelte die ethnische Vielfalt der Bevölkerung wider.
Archäologische Funde: Schätze aus dem Boden
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Die Funde aus Durnomagus sind von unschätzbarem Wert für die Erforschung der römischen Grenzregion. Sie geben Einblick in Religion, Wirtschaft, Alltag und Militär. Viele Stücke sind heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn, im Historischen Museum Düsseldorf, im Römerkeller Dormagen und in kleinen lokalen Ausstellungen zu sehen. Die Präsentation der Funde ist ein wichtiger Beitrag zur Vermittlung der Geschichte an die Öffentlichkeit.
Forschungsgeschichte: Von Delhoven bis zur modernen Archäologie
Die Pioniere: Joan Peter Delhoven und Franz Fiedler
Die Erforschung von Durnomagus begann im 19. Jahrhundert mit engagierten Laienforschern wie Joan Peter Delhoven. Der Landwirt, Großhändler, Küster
und Chronist sammelte über 500 Münzen, hunderte Keramikgefäße, Inschriftensteine, Ziegel und Kleinfunde. Seine Sammlung bildete die Grundlage für die ersten wissenschaftlichen Arbeiten und ist heute teilweise im Rheinischen Landesmuseum Bonn und im Historischen Museum Düsseldorf erhalten. Delhovens Chronik ist ein einzigartiges Zeugnis für das Alltagsleben und die Wahrnehmung der römischen Vergangenheit im Rheinland.
Franz Fiedler veröffentlichte 1854 die erste wissenschaftliche Abhandlung über das römische Dormagen. In den folgenden Jahrzehnten wurden bei Bauarbeiten immer wieder Funde gemacht: Grabbeigaben, Keramik, Münzen, Altarsteine. Die Diskussion um die Identität von Durnomagus und Burungum (Worringen oder Haus Bürgel) beschäftigte die Forschung lange Zeit, bis die Gleichsetzung von Dormagen mit Durnomagus allgemein anerkannt wurde.
Moderne Ausgabungen und Bodendenkmalpflege
Seit 1964 überwacht das Rheinische Landesmuseum Bonn, später das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, alle Baumaßnahmen in Dormagen. Systematische Ausgrabungen ermöglichten die Lokalisierung des Kastells und die Eingrenzung des Vicus. 2004 wurden erneut Bereiche des Auxiliarkastells untersucht. Die archäologischen Methoden umfassen Prospektion, Grabung, Dokumentation und naturwissenschaftliche Analysen. Die Funde werden restauriert, inventarisiert und in Museen präsentiert. Die Bodendenkmalpflege sorgt dafür, dass das archäologische Erbe für kommende Generationen erhalten bleibt.
Durnomagus im Kontext: Der niedergermanische Limes und die römische Grenzpolitik
Der Niedergermanische Limes als UNESCO-Welterbe
Seit 2021 ist der Niedergermanische Limes Teil des UNESCO-Welterbes. Durnomagus ist einer von 44 Fundplätzen, die die römische Grenzlinie am Rhein dokumentieren. Der Limes war nicht nur eine militärische Grenze, sondern auch ein Raum des Austauschs, der Migration und der kulturellen Begegnung. Die Kastelle, Vici und Gräberfelder zeugen von der langen Dauer und der Anpassungsfähigkeit der römischen Präsenz in einer sich ständig verändernden Flusslandschaft.
Durnomagus zwischen Gallien und Germanien
Durnomagus lag an der Schnittstelle zwischen dem römischen Gallien und den germanischen Stammesgebieten. Die römische Politik setzte auf Integration, Kontrolle und wirtschaftliche Entwicklung. Die Stationierung von Auxiliartruppen aus verschiedenen Provinzen, der Bau von Infrastruktur und die Förderung von Handel und Handwerk waren Teil einer umfassenden Strategie, die Grenze zu sichern und zugleich zu öffnen. Durnomagus war ein Mikrokosmos dieser Politik: Hier lebten Menschen aus Noricum, Gallien, Germanien und dem gesamten Imperium zusammen, arbeiteten, kämpften und feierten.
Materialkultur: Keramik, Ziegel, Münzen und Alltagsgegenstände
Keramik als Spiegel des Alltags
Die Keramikfunde aus Durnomagus sind ein Fenster in den Alltag der Bewohner. Terra Sigillata, die rotglänzende Feinkeramik, war das „Meissener Porzellan“ der Römer – begehrt, teuer und weit gehandelt. Die Formen und Dekore zeigen modische Trends, regionale Vorlieben und den Einfluss der großen Produktionszentren. Lokale Werkstätten produzierten einfache Gebrauchskeramik, die in jedem Haushalt zu finden war. Die Vielfalt der Formen – Schüsseln, Becher, Teller, Amphoren – spiegelt die kulinarischen Gewohnheiten und die soziale Differenzierung wider.
Ziegelstempel und Bauorganisation
Die Ziegelstempel der Legio I Germanica und anderer Einheiten sind wichtige epigraphische Quellen. Sie belegen die Organisation der Bauwirtschaft, die Verteilung der Ressourcen und die Zusammenarbeit zwischen Militär und Zivilbevölkerung. Die Ziegel wurden in standardisierten Formaten produziert, gestempelt und an verschiedene Standorte (z.B. Bonn und Köln) geliefert. Die Baukeramik war ein entscheidender Faktor für die Errichtung und den Unterhalt der Infrastruktur – von den Kasernen bis zu den Thermen.
Münzen und Alltagsgegenstände
Die Münzfunde dokumentieren den Geldumlauf, den Handel und die wirtschaftlichen Beziehungen. Sie geben Hinweise auf Inflation, Krisen und die Verfügbarkeit von Zahlungsmitteln. Alltagsgegenstände wie Fibeln, Werkzeuge, Schmuck und Spielzeug erzählen von den kleinen Freuden und Sorgen der Menschen. Sie sind Zeugnisse für Handwerk, Mode und persönliche Vorlieben – und machen das Leben in Durnomagus greifbar.
Moderne Bodendenkmalpflege und museale Präsentation
Schutz und Vermittlung des archäologischen Erbes
Der Bereich des Kastells ist heute ein Bodendenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalens. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde müssen gemeldet werden. Die Bodendenkmalpflege sorgt für die Dokumentation, Restaurierung und Präsentation der Funde. Viele Stücke sind im Rheinischen Landesmuseum Bonn, im Historischen Museum Düsseldorf, im Römerkeller Dormagen und in lokalen Ausstellungen zu sehen. Führungen, Workshops und digitale Präsentationen machen die Geschichte für ein breites Publikum erlebbar.
Forschung und Öffentlichkeit
Die Forschung zu Durnomagus ist lebendig und vielfältig. Neue Publikationen, wie „Verloren und wiedergefunden“ von Norbert Grimbach, präsentieren die Funde und ihre Bedeutung für die Geschichte des Rheinlandes. Die Zusammenarbeit zwischen Archäologen, Historikern, Museen und lokalen Initiativen sorgt dafür, dass das Wissen ständig erweitert und aktualisiert wird. Die museale Präsentation verbindet Wissenschaft und Unterhaltung, Information und Emotion – und macht die Vergangenheit zum Erlebnis.
Lokale Legenden und Identitätsdiskussion: Durnomagus vs. Burungum
Die Identität von Durnomagus war lange Zeit Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Besonders die Frage, ob das im Itinerarium Antonini genannte Burungum mit Worringen oder Haus Bürgel gleichzusetzen ist, beschäftigte Generationen von Forschern. Heute ist die Gleichsetzung von Dormagen mit Durnomagus allgemein anerkannt, während Burungum eher mit Haus Bürgel in Verbindung gebracht wird. Lokale Legenden und die Suche nach den eigenen Wurzeln spielen in der Identitätsbildung der Region eine wichtige Rolle. Die Geschichte von Durnomagus ist Teil des kollektiven Gedächtnisses und ein Symbol für die Kontinuität und den Wandel am Rhein.
Fazit: Durnomagus - Ein lebendiges Erbe am Rhein
Durnomagus war mehr als ein Militärlager – es war ein Schmelztiegel der Kulturen, ein Zentrum von Handel, Handwerk und Religion, ein Ort des Aufbruchs und der Begegnung. Die Geschichte dieser Siedlung ist ein Spiegel der römischen Grenzpolitik, der Integration und der Anpassung an lokale Gegebenheiten. Die archäologischen Funde machen das Leben der Menschen greifbar: ihre Hoffnungen, Ängste, Freuden und Rituale. Die moderne Forschung und Bodendenkmalpflege sorgen dafür, dass dieses Erbe bewahrt und vermittelt wird.
Heute ist Durnomagus Teil des UNESCO-Welterbes, ein Ort der Erinnerung und der Inspiration. Wer durch die Straßen von Dormagen geht, wandelt auf den Spuren von Reitern, Händlern, Handwerkern und Priestern. Die Geschichte lebt – im Boden, in den Museen, in den Geschichten, die wir erzählen. Durnomagus ist ein Fenster in die Vergangenheit – und ein Spiegel für die Herausforderungen und Chancen unserer eigenen Zeit.
Quellenhinweise:
Die Darstellung basiert auf einer Vielzahl archäologischer, epigraphischer und historischer Quellen, darunter die Auswertung von Funden, Inschriften, Chroniken und modernen Forschungsarbeiten. Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten von Gustav Müller, Michael Gechter, Jost Auler, Norbert Grimbach und die Sammlungen des Rheinischen Landesmuseums Bonn sowie die aktuellen Publikationen und Ausstellungen des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Die archäologischen Funde und ihre Bedeutung sind in den genannten Museen und Ausstellungen für die Öffentlichkeit zugänglich und werden regelmäßig in neuen Forschungspublikationen vorgestellt. Ich bin dran! Ich recherchiere gerade die historischen Anfänge von Durnomagus – von seinen Ursprüngen über seine Rolle in der römischen Expansion bis hin zu archäologischen Funden und dem Alltagsleben in der Antike.