Foto: Hentrich (2026)
Bei dem Wrack handelt es sich um einen sogenannten Aalschokker, also ein spezielles Fangschiff für den Aalfang. Der Schiffstyp stammt ursprünglich aus den Niederlanden und wurde unter anderem in der Zuiderzee-Fischerei eingesetzt. Später waren solche Fahrzeuge auch am Rhein verbreitet. Früher gehörten sie an Orten wie Zons, Grimlinghausen und Neuss zum vertrauten Bild am Fluss. Mit ihnen verdienten Fischerfamilien ihr Geld, denn die Fischerei war lange ein wichtiger Wirtschaftszweig am Rhein.
Der Aalschokker war dabei kein gewöhnliches Boot für Ausflugsfahrten, sondern ein Arbeitsgerät. Er diente als schwimmende Fangstation. Netze, Winden, Seile und der sogenannte Schokkerbaum machten ihn zu einem spezialisierten Fahrzeug für den Fang in der Strömung. Solche Schiffe wurden abends in den Fluss gebracht, verankert und für den Aalfang ausgerichtet.
Der Aalschokker am Silbersee soll früher den Namen„Conny“ getragen haben. Mehrere Berichte nennen zudem ein mutmaßliches Baujahr um 1906, wobei eine genaue Bauwerft bisher nicht belastbar nachgewiesen ist. Sicher belegt ist hingegen, dass das Schiff bis in die 1990er Jahre hinein mit der regionalen Rheinfischerei verbunden war und im Bereich Grimlinghausen, Silbersee und Rhein genutzt wurde.
Warum das Schiff genau an dieser Stelle sank, ist bis heute nicht geklärt. Nach den vorliegenden Berichten ging der Aalschokker in den 1990er Jahren unter. Erstmals nach seinem Untergang wurde er im Sommer 2003 wieder nahezu vollständig sichtbar, als der Rhein starkes Niedrigwasser führte. Weitere Sichtungen gab es unter anderem 2018, 2022 und erneut bei niedrigem Pegel 2026.
Um den letzten Eigentümer des Aalschokkers rankt sich eine tragische Geschichte. Er gehörte nach übereinstimmenden Berichten zu den letzten Aal-Fischern auf dem Rhein. Der Mann soll das Schiff bis in die 1990er Jahre beruflich genutzt haben. Damit war er offenbar nicht nur Besitzer, sondern selbst aktiver Fischer und Betreiber des Aalschokkers.
Später geriet der Eigentümer in ein schweres Beziehungs- und Familiendrama. Laut Presseberichten soll er versucht haben, seine frühere Partnerin und deren neuen Freund zu töten. Er wurde verurteilt und kam ins Gefängnis. Während oder nach dieser Zeit sank die „Conny“ unter bis heute ungeklärten Umständen. Nach seiner Haft soll der Eigentümer noch versucht haben, Geld für die Bergung seines Schiffes zu sammeln. Dies gelang jedoch nicht. Danach verlor sich seine Spur. Was aus ihm wurde, ist bis heute unbekannt.
Gerade diese Mischung aus alter Fischertradition, technischem Denkmal und menschlichem Drama macht den Aalschokker am Silbersee zu einem besonderen Zeugnis regionaler Geschichte. Dabei ist wichtig: Viele Details zur Person des Eigentümers sind nur aus Presse- und Lokalberichten überliefert. Eine vollständige Familiengeschichte oder amtliche Biografie ist öffentlich bislang nicht greifbar.
Als das Schiff im Sommer 2003 bei Niedrigwasser wieder sichtbar wurde, gab es Überlegungen, den alten Aalschokker zu bergen und als Denkmal an Land zu präsentieren. Als mögliche Standorte waren unter anderem das Umfeld des Kreiskulturzentrums und der frühere Rheinarm am Zonser Rheinturm im Gespräch. Die Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt. Ein Grund war offenbar, dass die Zustimmung des nicht auffindbaren Eigentümers erforderlich gewesen wäre.
Heute gibt es nach den vorliegenden Berichten keine konkreten Pläne zur Bergung. Für die Rheinschifffahrt stellt das Wrack nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes keine Gefahr dar, da es abseits der Rheinmitte liegt und gesichert ist.
Foto: Hentrich (2026)
Wer sich für Dormagener und Neusser Geschichte interessiert, sollte sich diesen alten Aalschokker einmal anschauen. Der genaue Ort liegt an der Einmündung des Silbersees in den Rhein, auf der Stadtgrenze zwischen Dormagen und Neuss, nahe Stürzelberg beziehungsweise Grimlinghausen. Besonders eindrucksvoll ist der Anblick bei starkem Niedrigwasser. Dann tritt der Rumpf fast vollständig aus dem Wasser hervor, die schlammverkrusteten Aufbauten werden sichtbar, und man erkennt noch, dass hier nicht einfach irgendein Wrack liegt, sondern ein echtes Arbeitszeugnis der alten Rheinfischerei.
Bei normalem Wasserstand dagegen verrät nur der aus dem Rhein ragende Mast, dass unter der Wasseroberfläche ein Stück Vergangenheit ruht. Vielleicht ist gerade das der besondere Reiz dieses Ortes: Der Aalschokker ist nicht immer sichtbar. Er taucht nur dann auf, wenn der Rhein ihn freigibt, und erinnert uns daran, wie eng die Geschichte Dormagens und der Nachbarorte mit dem Fluss, der Fischerei und den Menschen am Rhein verbunden ist.
Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, findet online mehrere Bildstrecken und Hinweise. Besonders ergiebig sind Fotoreihen bei lost-places.com, einzelne Aufnahmen auf Flickr sowie Beiträge aus dem WDR- und Lokalarchiv. Für die historische Einordnung der Aalschokker-Fischerei im Raum Neuss ist außerdem der Film„Rheinfischerei. Teil 1: Aalschokker“ des LVR aus dem Jahr 1974 interessant. Er zeigt zwar nicht sicher genau dieses Wrack, vermittelt aber anschaulich, wie mit solchen Schiffen am Rhein gearbeitet wurde.
Für diesen Beitrag wurden öffentlich zugängliche Berichte und Bildhinweise von WDR, WA, lost-places.com, „Linksrheinisches rund um Neuss“, Flickr sowie die LVR-Filmdokumentation zur Rheinfischerei ausgewertet. Einige Angaben, etwa Name, Baujahr und Details zur Eigentümergeschichte, beruhen auf Presse- und Lokalüberlieferung und sind daher entsprechend vorsichtig formuliert.